In jedem Kapitel geht der Autor historisch vor und beschreibt den Prozess fortschreitender Erkenntnis nachvollziehbar als die kritische Auseinandersetzung, gegebenenfalls auch Widerlegung früher einmal als gesichert geltenden philosophischen Wissens. Fast immer geht seine Demonstration vom antiken Griechenland aus. Er benennt die wichtigsten Texte, die danach die philosophische Welt verändert haben: „In der Neuzeit gilt dies für René Descartes Meditationen (1641), John Lockes  Versuch über den menschlichen Verstand (1690), Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft (1781), Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus (1921) und Heideggers Sein und Zeit (1927) … sie haben jeweils das Bisherige gründlich in Frage gestellt und einen radikalen Neuanfang des  Philosophierens versucht.“ Am Ende eines jeden Kapitels gelangt der Autor zur griffigen Darlegung des gegenwärtigen Standes wissenschaftlicher Erkenntnis der Philosophie.

Manchmal ist von einem die Philosophie über Jahrhunderte bewegenden Thema im Rahmen der wissenschaftlichen Beschäftigung nicht viel übrig geblieben. Mit gedanklicher Eleganz reduziert Schnädelbach im Kapitel „Das Ich und ich“, ausgehend von dem richtiger Weise „Ego cogito, ergo sum“ zu zitierenden Satz von Descartes, die drei Buchstaben auf nicht viel mehr als das Personalpronomen, bar aller philosophischen Bedeutungsschwere. In anderen der vom Autor souverän entfalteten Themen, wie etwa bei „Selbstbewusstsein“, verläuft der Weg umgekehrt, zu einem komplizierteren  Wissensstand. Bei aller Abgrenzung der wissenschaftlichen Philosophie von ihrer trivialen Schwester für den Hausgebrauch stellt der Autor sein Fach doch nicht völlig außerhalb eines übergeordneten Gesamtzusammenhangs. Wenn er zum Thema „Handlung“ die Bedeutung der menschlichen Willensfreiheit auch im Lichte der neuesten Erkenntnis der Neurophysiologie diskutiert, gelangt er zu der Formulierung: „Personsein bedeutet, ein Kandidat zu sein für Verantwortung, Lob und Tadel, Verdienst und Schuld“. Und er schließt dieses Kapitel mit der für alle Philosophie geltenden Einordnung in etwas noch wichtigeres: „Die Unterstellung der Fähigkeit des „überlegten Strebens nach dem, was in unserer Macht steht“, ist fehlbar, aber sie ist die Grundlage unserer wechselseitigen Anerkennung als mündige Menschen.“

Harald Loch

Herbert Schnädelbach: Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann
C.H. Beck, München 2012   237 Seiten   19,95 Euro

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