Die Autorin beginnt mit einer Darstellung des Nordatlantikverkehrs in den Jahren um die vorige Jahrhundertwende. Er war von heftigem Konkurrenzkampf großer international tätiger Reedereien um das zahlungskräftige, schon damals überwiegend aus den USA stammende Erster-Klasse-Publikum wie um die Auswanderermassen, die von Europa nach Nordamerika strömten. Die Marketingstrategien der Konkurrenten setzten unterschiedliche Schwerpunkte: Geschwindigkeit, Luxus, Sicherheit, Prestige  – das waren entscheidende Kriterien. Betriebswirtschaftlich kam auch schon damals – man befeuerte die Kessel der „Dampfer“ noch mit Kohle – der Treibstoffverbrauch hinzu. Koldau beschreibt den Entwurf der Olympic-Klasse der White Star Line, der auch die „Titanic“ angehörte, ihre Drei-Klassen-Gliederung nicht nur der Unterkünfte der Passagiere sondern auch von deren sozialer Schichtung. Sie setzt sich mit behaupteten Materialfehlern beim Bau des Schiffes auseinander, von denen wohl nur die Kalt-Nietung der Außenhaut wirklich zu beanstanden war. Schon vor dem Ablegen der „Titanic“ in Southampton gab es warnende Vorzeichen: Ein Bergarbeiterstreik hatte zu Kohleknappheit aller Schiffe geführt, die Wetterlage im Eisberggebiet an die Neufundland-Bank war besonders ungünstig, die umstrittene Route war mehr auf Geschwindigkeit als auf Sicherheit gewählt worden, schon im Hafen kam es zu einer Fast-Kollision mit einem anderen Schiff.
So genau, wie nach den kritisch gelesenen Quellen möglich, rekonstruiert die Autorin die Ereignisse vor und unmittelbar nach der Kollision der Titanic mit dem Eisberg. Sie entkleidet die „offiziellen“ amerikanischen und britischen Untersuchungsberichte von ihren die Reederei aus der Haftung befreienden Fälschungen, entlastet vielmehr die ertrunkenen diensthabenden Offiziere und den Kapitän, die zum erfahrensten Seepersonal ihrer Zeit zählten und befreit die Ereignisse um die Rettung vieler, die viel zu wenige waren, von den Ausschmückungen der fiktionalisierenden Nachwelt. Wenn diese Romane, Filme und andere medialen Bearbeitungen wenigstens teilweise das künstlerische Niveau hätten, das ein solches zum Topos gewordenes Ereignis verdient, wäre die Rekonstruktion der tragischen Wirklichkeit durch eine so verantwortungsbewusste Autorin wie Linda Maria Koldau gar nicht so verdienstvoll. In ihrem Buch tritt die rekonstruierte Wirklichkeit wirkungsmächtig an die Stelle der auf Umsatz getrimmten Bearbeitungen der letzten hundert Jahre – eine nachdenkliche Warnung, die für die Behandlung ähnlicher Ereignisse nicht zu spät kommt.

Harald Loch

Linda Maria Koldau:
Titanic. Das Schiff - Der Untergang - Die Legenden

C.H. Beck, München 2012   303 Seiten zahlr. s.-w. Fotos, Skizzen und Karten   19,95 Euro

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