In einer ersten Stufe vollzieht Zimmer die Etappen der Intelligenzforschung nach. Zentraler Begriff für die quantitative Messung der Intelligenz eines Menschen ist der IQ. Dieser Intelligenzquotient wurde von William Stern, einem deutschen Psychologen aus einer assimilierten Jüdischen Familie im Jahre 1912 erfunden. Die Verteilung der IQs einer hinreichend großen Zahl von untersuchten Personen folgt der von Gauß definierten Normalkurve. Aus praktischen Gründen wird der Durchschnittswert des IQ mit 100 bezeichnet wird. Die glockenförmige, symmetrische Kurve hat beim diesem Durchschnittswert ihren Gipfel und flacht nach beiden Seiten stark ab. Intelligenzquotienten unter 70 (etwa 2% der Untersuchten) werden als geistige Behinderung, solche über 130 (ebenfalls etwa 2%) als hohe Intelligenz gewertet. Die überhaupt gemessene Spanne bewegt sich zwischen 60 und 140. In jeder hinreichend großen Gruppe wurden bei etwa 82% mittlere IQ-Werte zwischen 80 und 120 gemessen.  Die ganze IQ-Forschung wurde von den Zweifeln an der Tauglichkeit schulischer Förderprogramme in den USA begleitet. Wan wollte wissen, ob mit schulischen Mitteln biometrisch messbare Intelligenz fördern könne. Später in seiner Studie stellt Zimmer übrigens eine große Übereinstimmung von biometrisch gemessenem IQ und den schulischen Leistungen etwa in der Pisa Studie fest. Dass es gilt, den erwerbbaren Teil der Intelligenz, der also nicht ererbt ist, durch bestmögliche Förderung im Elternhaus, in der Schule und der gesellschaftlichen Umwelt besser zu fördern, stellt Zimmer nie in Frage.

Die IQ-Messungen führten zwangsläufig zur Frage nach der Erblichkeit von Intelligenz. Zimmer berichtet in bewundernswerter Knappheit und Deutlichkeit über vier Jahrzehnte Erblichkeitsforschung. Das war – und ist bis heute – im Wesentlichen empirische Forschung an ein- und zweieiigen Zwillingen, an Adoptivkindern, an Heimkindern. Immer ging es darum, die ererbten Anteile der Intelligenz von den in der Umwelt (Erziehung, soziales Milieu, Sprache usw.) erworbenen zu trennen. In Zukunft werde die Genforschung wahrscheinlich naturwissenschaftliche Antworten auf diese Frage geben können. Die empirischen Ergebnisse lassen nur Aussagen über Durchschnittswerte in den gemessenen Kohorten, keineswegs aber Aussagen über die individuellen Anteile ererbter bzw. erworbener Intelligenz zu. Zimmer referiert den Stand der Forschung und bezeichnet ihn als nach heutigem Erkenntnisgrad als gesichert: Mehr als drei Viertel der biometrisch messbaren Intelligenz muss als erblich angelegt angesehen werden, der Rest ist erworben. Der Autor leitet das anhand von zahlreichen Forschungsergebnissen aus verschiedenen Ländern ab. Er führt dabei – immer allgemeinverständlich bleibend – in manche Geheimnisse der Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung ein, betont immer wieder den Unterscheid zwischen Korrelation und Kausalität.

Dramatisch spitzt sich das Buch in der Frage zu, ob es nationale (in der englischsprachigen Welt scheut man sich nicht von „racial“ = rassischen zu sprechen) Unterschiede sowohl bei der Erblichkeit als auch bei der gemessenen Intelligenz gibt. Ganz in deutscher Befangenheit bei diesem Thema befangen, gibt Zimmer kein eigenes Urteil ab sondern zitiert ausgewählte Vertreter beider Auffassungen. An dieser Stelle setzt er sich mit den von ihm als widersprüchlich bezeichneten Thesen Sarrazins auseinander. Er hält dessen Ausführungen über die Erblichkeit des IQ für nebulös und die über ein „jüdisches Gen“ – für hohe Intelligenz nämlich – für ein „gefährliches Impromptu“. Ob es politisch vertretbar oder wünschenswert sei, mit einer gezielten Migrationspolitik gleichsam IQ zu „importieren“ und damit den „exportierenden“ Gesellschaften zu entziehen, diskutiert Zimmer nicht. Ihm geht es ausschließlich um die Darstellung des Forschungsstandes.

Im Laufe dieser Darstellung gerät das Buch von Dieter E. Zimmer, dessen zweite Obsession neben der Humanwissenschaft die bewunderte Übersetzung des belletristischen Werkes von Vladimir Nabokov ist, von einer Attacke auf die Kritiker von Sarrazin zu einer wissenschaftlich fundierten Widerlegung von dessen spektakulärsten Thesen – eben „eine Klarstellung“!

Harald Loch

Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich?   Eine Klarstellung

Rowohlt, Reinbek 2012   321 Seiten   16,95 Euro

 

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