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In kurzer Folge schreibt Büchner seine vier Hauptwerke: In Dantons Tod gestaltet er vor dem Hintergrund der Französischen Revolution das Schicksal eines scheiternden Menschen in einem bis heute oft gespielten Drama. Es wurde erst im Jahre 1902 in Berlin uraufgeführt. Mit der Erzählung Lenz hat der Autor der Literaturwissenschaft lange unauflösbare Rätsel aufgegeben. Letztlich handelt es sich um eine zu seiner Zeit wohl nur in dieser Form publizierbare Kritik am Christentum und eine Darstellung der damaligen Ohnmacht des bürgerlichen Intellektuellen. Das Lustspiel Leonce und Lena ist 1836 als Ergebnis der Beteiligung an einer Preisaufgabe der Cotta’schen Buchhandlung entstanden. Dieses „bestellte“, aber nicht rechtzeitig beim Auslober eingetroffene Werk wurde erst 60 Jahre nach Büchners Tod in München uraufgeführt. Es enthält in der Gestalt der Komödie wiederum eine strenge Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen der Vormärz. Schließlich hinterließ Büchner Bruchstücke seines Dramas Woyzeck, das erstmals 1878 gedruckt und 1913 am Münchner Residenztheater uraufgeführt wurde. Das erste bedeutende sozialkritische deutsche Drama avancierte zu einem der meistgelesenen und meistgespielten Texten der dramatischen Weltliteratur des 19. Jahrhunderts und weist auf die erst viel später literarisch in den Mittelpunkt rückende Schutzlosigkeit der menschlichen Existenz. Die nicht nachlassende Modernität des Stückes hat in Alban Bergs 1925 in der Berliner Staatsoper uraufgeführten Oper Wozzeck eine nachhaltige neue Dimension erfahren.
Alle diese Texte, dazu frühe Entwürfe, Fragmente, Notizen und die Briefe Büchners sind jetzt in einer von Ariane Martin sorgfältig edierten und von ihr intensiv und sachkundig kommentierten Ausgabe der Reclam Bibliothek nachzulesen. Der Stellenkommentar erschließt die Zusammenhänge von Leben und Werk, schlüsselt manches auf, was dem heutigen Leser nicht auf Anhieb verständlich ist, zerstört aber durch seine diskrete Anordnung im größeren, hinteren Teil des Buches nicht den Lesefluss. Diese maßstabsetzende Werkausgabe erscheint zwar aus Anlass des 175. Todestages des Autors, wird aber auch über seinen 200. Geburtstag am 17. Oktober 2013 hinaus den Büchner-Standard setzen.
Für alle, die eine Scheu vor langen Texten haben, hat Hoffmann und Campe kurze Auszüge aus dem Werk von Büchner als Lektüre für Minuten unter dem Titel „Wir alle sind Schurken und Engel“ aufgelegt. Man muss die Reduktion „des Genies, das nicht alt wird“ auf aphoristisch wirkende Schnipsel nicht mögen. Trotzdem blitzt aus einigen der literarische Mehrwert, den die vollständigen Texte verheißen, so stichhaltig auf, dass man schnell zur Werkausgabe der Reclam Bibliothek greifen wird. Dazu ist dann das Nachwort, das Jan-Christoph Hauschild der Lektüre für Minuten beigefügt hat, eine schöne Einführung.
Harald Loch
Georg Büchner. Sämtliche Werke und Briefe Herausgegeben von Ariane Martin Reclam Bibliothek, Stuttgart 2012 822 Seiten 29,95 Euro
Georg Büchner: „Wir sind alle Schurken und Engel“ Lektüre für Minuten, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Jan-Christoph Hauschild Hoffmann und Campe, Hamburg 2012 127 Seiten 10 Euro |