Belletristik



Sophus Claussen: Antonius in Paris/Wallfahrt

 

Manche Edelsteine werden nicht von der ersten Brandungswelle an unser Land gespült. Ein Roman des hierzulande wenig bekannten dänischen Autors Sophus Claussen brauchte 115 Jahre, bis er – jetzt von Peter Urban Halle  übersetzt – auf Deutsch vorliegt. Der Doppelroman „Antonius in Paris/Wallfahrt“ ist ein poetisches Zeugnis des sich an französischen Autoren wie Verlaine oder Baudelaire orientierenden europäischen Symbolismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der 1865 geborene, später von Tania Blixen sehr bewunderte Autor hat nach Ausbildung und Studium eine lange Reise nach Paris und dann von dort nach Italien unternommen. Der erste Teil des Romans wird von seinem alter ego Antonius in der Ich-Form aus Paris erzählt: Die Begegnung mit den seinerzeit angesagten Literaten, erotische Erlebnisse und eine nicht erwiderte Liebe stehen im Mittelpunkt. Die Pariserin Célimène, die den Romanhelden Antonius verschmäht, hat es in Gestalt der 21jährigen Dänin Karin Topsøe in Paris tatsächlich gegeben. Der todunglückliche Antonius wird von einer reichen Dame gerettet, die ihm den Auftrag erteilt, in Italien über alte Brücken zu forschen. Das ist der Vorwand für die Reise nach Italien und damit für den zweiten Teil des Romans, „Wallfahrt“, in dem der Autor in die Gestalt des Silvio schlüpft. Er bereist die Toskana, beschreibt Siena, später Rom und dann Ligurien. Hier erfüllen sich mit der jungen Schönheit Clara alle Wünsche, die Antonius mit Célimène in Paris versagt blieben. In Italien ist er es, der die Geliebte verlässt, um nach Dänemark zurückzukehren. Dort wird aus Silvio wieder der Autor Sophus Claussen, der das Doppelbuch über Paris und Italien schreibt.

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Zum 175. Todestag von Georg Büchner am 19. Februar

Sämtliche Werke und Briefe – historisch-kritisch ediert in der Reclam Bibliothek


Liegen der zuerst zu begehende 175. Todestag eines Autors und sein 200. Geburtstag eineinhalb Jahre auseinander, ist der Unglückliche also in seinem 24. Lebensjahr gestorben, muss es sich um einen Frühvollendeten handeln, dessen wir gedenken, um einen, der in seiner knapp bemessenen Lebenszeit über Jahrhunderte sichtbar gebliebene Spuren hinterlassen hat. Georg Büchner, am 17.10.1813 bei Darmstadt geboren, ist am 19. 2. 1837 in Zürich  an Typhus gestorben. Da  war er gerade mit einer Dissertation über das Nervensystem von Fischen promoviert worden und hatte mit seiner Probevorlesung „Über Schädelnerven“ seine Tätigkeit als jüngster Privatdozent in Zürich aufgenommen. Ins Ausland war Büchner wegen seiner politischen Verfolgung als Sozialrevolutionär geflohen. Er hatte mit seiner von sozialistischen Grundüberzeugungen getragenen Flugschrift Der Hessische Landbote (1834) die notleidende Bevölkerung auf eine Revolution vorbereiten wollen. Aber weder seine kurzen wissenschaftlichen noch seine vergeblichen sozialrevolutionären Aktivitäten hätten seinen Ruhm bis heute erhalten und vermehrt. Es ist sein überschaubar gebliebenes literarisches Œuvre mit den Ikonen seiner frühen Modernität:



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Zum 175. Todestag von Ludwig Börne am 12. Februar 2012

Die schlimmen Zustände in der alten Frankfurter Judengasse konnte Goethe nur naserümpfend beschreiben. Einer, die hier geboren und aufgewachsen ist, hat sie aus eigenem Erleben kritisch wie selbstkritisch beurteilt, konnte ihre Zerstörung im Juli 1796, als sie von napoleonischen Truppen beschossen und in Trümmer gelegt wurde, als Chance für die Entfaltung jüdischer Fähigkeiten in der Frankfurter Diaspora feiern. Ludwig Börne, in dieser Judengasse im Jahre 1786 als Juda Löb Baruch geboren, um den es anlässlich seines 175. Todestages am 12. Februar geht, ist einer der Begründer des politischen Feuilletons, eines kritischen Journalismus, der sich durch die Zensur in den damals zahlreichen deutschen Staaten kämpfen musste. Nach seinem Tode im Pariser Exil fiel er bald in eine der Restauration geschuldete, von Ignoranz geduldete, später vom Antisemitismus verordnete Vergessenheit. Allenfalls seine Kontroverse mit Heinrich Heine – ein manchmal überbewerteter und oft ungenau dargestellter Nebenaspekt im Leben und Schaffen beider – blieb in Erinnerung. Frühere Ausgaben seiner Werke sind längst vergriffen,  so dass es der verdienstvollen Reihe Fischer Klassik vorbehalten blieb, mit einem soeben erschienenen Band „Ludwig Börne. Das große Lesebuch“ eine die ganze Vielfalt des publizistischen Wirkungsfeldes abbildende repräsentative Auswahl seiner Schriften vorzulegen. Inge Rippmann, seit Jahrzehnten die maßgebliche Börne-Forscherin, hat die Auswahl besorgt und eine knappe, sehr hilfreiche Einführung geschrieben.

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Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte  

Zwei Ausgeschiedene lernen auf einer Parkbank über sich zu sprechen. Aus dieser zentralen Einstellung entwickelt die 1980 geborene Milena Michiko Flašar ihr erstaunliches Romandebüt. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, lebt nach sprach- und literaturwissenschaftlichen Studien als Schriftstellerin in Wien und wählt für ihr stilles Buch einen japanischen Schauplatz. Einer der beiden auf der Parkbank ist der junge Ich-Erzähler, ein „Hikikomori“. In einem hilfreichen japanisch-deutschen Glossar erklärt die Autorin den Begriff: „So werden in Japan Personen bezeichnet, die sich weigern, das Haus ihrer Eltern zu verlassen, sich in ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Familie auf ein Minimum reduzieren. Als hauptsächlicher Grund gilt der große Leistungs- und Anpassungsdruck in Schule und Gesellschaft“. Der andere ist ein arbeitslos gewordener „Salaryman“, ein Angestellter, der nach Jahrzehnten zuverlässiger Arbeit von seiner Firma entlassen wurde und seiner Frau nichts davon erzählt. Sie bereitet ihm täglich das Essen zu, das er mit zur Arbeit nehmen soll. Die sitzt er auf der Parkbank ab. Punkt sechs Uhr am Abend steht er auf und fährt nach Hause. Er trägt zur „Arbeit“ immer eine rot-grau gestreifte Krawatte. „Ich nannte ihn Krawatte“ erinnert sich der Hikikomori, der – als er eines Tages sein Kinderzimmer heimlich verlässt, auf dieser Parkbank landet. Zunächst ihm gegenüber, bald neben ihm, sitzt die „Krawatte“ und beide fallen, weil sie sich an allen Arbeitstagen dort treffen, von stummem Begrüßungsnicken allmählich in bekennende, befreiende Gespräche über ihre Situation.

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